„Respekt ist mega-wichtig“

Vorbei ist die Zeit geradliniger Berufsverläufe. Schule, Ausbildung, Beruf und dann Rente – das war vielleicht einmal. Heute haben wir das Privileg, auch mal zu wechseln, ein paar Ehrenrunden zu drehen, die das Leben so mit sich bringt, und dann auf einmal zu merken: Ich bin jetzt beruflich angekommen. So in etwa ist es Natalie Viegas do Livramento und Jens Dietrich ergangen, beide in den (end)dreißiger Jahren und gerade in die Pflegeausbildung eingestiegen.

Wir unterhalten uns im Ausbildungsbetrieb ‚Schattige Buche‘ der AWO in Bottrop, wo beide in verschiedenen Wohnbereichen ihre praktische ‚Lehre‘ absolvieren – und zwar mit Begeisterung, sowohl was die Pflege als auch die Stationäre Einrichtung betrifft. Im Pflegeseminar der AWO in Gelsenkirchen sind sie nicht die Jüngsten unter den Schülern, eher doppelt so alt, vereinzelt wird ihr Einstiegsalter aber sogar noch leicht getoppt. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich. Die absolut gute Nachricht ist, dass sie natürlich ihre Lebenserfahrung einbringen können. Noch einmal die Schulbank zu drücken, war hingegen gewöhnungsbedürftig, klappt aber jetzt auch gut.

Im Leben für die Pflege und Betreuung gelernt

Damit ist nicht nur die ‚Reife‘ gemeint, sondern auch alles, was sie in ihren Vorberufen gelernt haben und woraus sie schöpfen können. Die alleinerziehende Natalie Viegas do Livramento beispielsweise hat durch ihre beiden Kinder gelernt was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und den Alltag gut zu organisieren. Als leidenschaftliche Fotografin kann sie sich gut auf Menschen fokussieren. Durch frühere Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen der Gastronomie lernte sie zudem Menschen gut einzuschätzen: „Man weiß in Situationen, wie man reagieren kann, man hat mehr Ruhe, kann den Menschen den nötigen Respekt entgegenbringen“, so ihre Überzeugung. Da stimmt Jens Dietrich zu. Der gelernte Holzverkäufer und Versicherungsfachmann hatte in diesen Berufen nicht das gefunden, was er stets suchte: Den intensiven sozialen Kontakt mit den Menschen, um die er sich beruflich kümmert. Aber auch er sieht klar die Pluspunkte seiner vorherigen Berufserfahrungen, denn „ich kann gut mit den Menschen sprechen und werde aufgrund meines Alters eher ernstgenommen. Das ist gerade in Gesprächen mit Angehörigen hilfreich“, so Jens Dietrich.

Wertschätzung von allen Seiten ist nötig

Auf die Frage, was denn im neuen Ausbildungsberuf so besonders sei, was das Arbeiten so angenehm mache, kommt es fast wie aus der Pistole geschossen: „Kein Tag ist so wie der andere“, erzählt Natalie Viegas do Livramento, „Jeden Tag gibt es schöne Geschichten, es wird viel gelacht.“ Sicher entspricht es nicht dem Klischee von dem, wie es in Pflegeeinrichtungen abgeht, aber Humor ist für beide eine wichtige Komponente. Dass das funktioniert, hat viel mit dem Betriebsklima zu tun, und das ist in der ‚Schattigen Buche‘ vorbildlich. Begeistert waren beide etwa davon, wie ihnen Hartmut Skrok, der Einrichtungsleiter, von Anfang begegnete und ihnen deutlich vermittelt hat, wie sehr sie im Haus willkommen sind. Diese Wertschätzung ist auf allen Ebenen zu spüren, das Team mag sich und nur so kommt man schließlich gerne zur Arbeit.

„Man muss Interesse zeigen“

Auch wenn die Stimmung in der „Schattigen Buche“ insgesamt gut ist, darf es nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pflege und Betreuung auch eine Herausforderung darstellen und hohe Ansprüche an die ‚Profis‘ stellen. „Sich in andere hineindenken zu können“, so Jens Dietrich, „ist eine wichtige Anforderung an den Beruf“. „Wir sind oft die einzigen Bezugspersonen, die den Menschen hier noch geblieben sind“, unterstreicht Natalie Viegas do Livramento den hohen Anspruch, für die Pflegebedürftigen auch emotional da zu sein. Das gelingt nur gut, wenn ein Interesse an den Bewohnern da ist, man die Geschichten aus ihrem Leben gerne hört und verstehen kann. Mitunter sind die Erlebnisse verstörend, Kriegs- und Fluchterlebnisse haben Narben hinterlassen und erklären das Verhalten, wenn Frauen zum Beispiel nicht von einem Mann gepflegt werden möchten.

„Die Menschen gehen hier so, wie sie gekommen sind: Mit Würde“

Die Begegnung mit dem Tod ist eine weitere Herausforderung. Trotz aller professionellen Distanz, die nötig ist, erleben die beiden auch traurige Momente der Sorge, des bevorstehenden Abschieds, die sie manchmal bis nach Hause verfolgen. Natürlich ist allen klar, dass die Menschen gekommen sind, um ihren letzten Weg zu beschreiten. Und so tröstet der Gedanke, dass sie alle dazu beitragen, den Bewohnern einen schönen Lebensabend zu verschaffen und den letzten Gang würdevoll zu begleiten.

„Ich könnte das nicht!?“

Das Erste, was beide im Bekanntenkreis zu hören bekommen ist, stets der gleiche Spruch: „Das könnte ich aber nicht.“ Gemeint ist in 100% der Fälle die gefürchtete Intimversorgung der Bewohner. Nun, beide sind der Auffassung, dieses Thema sei absolut überwertet. Zum einen macht es tatsächlich nur einen geringen Teil der Aufgaben aus und zum anderen kommt die Gewöhnung sehr schnell nach dem Motto: „Als ob ich es schon immer gemacht hätte“. Hier hilft nur Ausprobieren, ein Praktikum machen und sehen, was da wirklich für einen dran ist. Sehr entlastend wirkt möglicherweise auch die Erfahrung, dass es den Bewohnern selbst um ein Vielfaches unangenehmer ist, sich helfen lassen zu müssen, als den versorgenden Profis. Den Bewohnern diese Sorge nehmen zu wollen und dann auch nehmen zu können, hilft das eigene Unbehagen zu überwinden.

Mittlerweile konnten beide schon den einen oder anderen mit Erfolg davon überzeugen, sich in der Betreuung und/oder Pflege zu erproben. Am Ende greift vielleicht auch bei ihnen das, was sowohl Natalie Viegas do Livramento als auch Jens Dietrich immer wieder erleben und sie motiviert, nämlich die Belohnung der Arbeit durch das Lächeln der Menschen, die sie pflegen.