Die Nacht zieht auf und mein Dienst beginnt…

…in dieser Nacht und in den nächsten fünf Nächten…

Wer sind diese Menschen, die sich freiwillig die Nacht um die Ohren schlagen? Und das teilweise schon seit 34 Jahren. Ein Portrait über den Nachtdienst im AWO Seniorenzentrum Bottrop-Fuhlenbrock.

Nachtschattengewächse, Nachteulen – der Fotograf Uwe Jesiorkowski und ich haben Bilder im Kopf, als wir uns mit der Pflegefachkraft Jolanthe Siegburg und mit Christine Zayonz, Pflegehilfskraft zum Interview treffen. Nachtdienst? Die haben doch alle Zeit zum Zeitunglesen und Fingernägel lackieren. Dachten wir.

gagpnd2620Jolanthe Siegburg ist 49 Jahre alt und ist seit über 30 Jahren bei der AWO Westliches Westfalen als Pflegefachkraft tätig.  Mit 21 Jahren wurde ihre Tochter geboren. Nach der Erziehungszeit entschied sich Frau Siegburg für den Nachtdienst – und ist seit 22 Jahren Hüterin der Nacht. „Mein Mann war nachts zuhause und bei unserer Tochter, während ich zum Dienst ging. Nach fünf Schichten konnte ich mich dann wieder entspannen und mich um unsere Tochter kümmern. Mein Mann und ich sind seit 31 Jahren zusammen, und der Ehe hat es nicht geschadet“, erzählt sie augenzwinkernd.

“Das ist ein ideales Arbeitsmodell für Frauen mit Kindern, sofern die privaten Strukturen gegeben sind“.

gagpnd1306Gemeinsam mit der Pflegehilfskraft Christine Zayonz kümmert sich Frau Siegburg um insgesamt 62 Bewohnerinnen und Bewohner. „In der Nacht bin ich mein eigener Chef“, berichtet Frau Zayonz, die mittlerweile seit 34 Jahren Nachtschichten schiebt. „Wenn die Schicht beginnt, dann liegen die meisten Bewohnerinnen und Bewohner schon im Bett. Wir haben dann mehr Zeit für die Menschen als tagsüber. Da ist kein Publikumsverkehr mehr, und man kann sich voll und ganz auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren“. Das bedeutet allerdings auch, dass Frau Zayonz und Frau Siegburg auf sich alleine gestellt sind, wenn ein Notfall eintritt oder wenn jemand verstirbt. Die beiden sind ein eingespieltes Team. „Man muss mit allem rechnen und auf alles vorbereitet sein. Vorausschauend denken, gut organisiert sein und genau beobachten können, das sind Grundvoraussetzungen für unsere Arbeit“, sagt Frau Siegburg. Und Christine Zayonz ergänzt: „Wir arbeiten Hand in Hand und jeder weiß, was er zu tun hat.“

gagpnd1570Nachts um 2 Uhr ist Rushhour im Pflegeheim. „Alte Menschen brauchen nicht mehr so viel Schlaf. Da werden wir häufiger gerufen, um den Bewohnern bei Toilettengängen zu helfen oder um einfach nur da zu sein.“ Es kam schon vor, dass eine Bewohnerin verschwunden ist. „Wir haben vom Keller bis zum Dach alle Räume abgesucht und mussten schließlich die Polizei einschalten. Hier passiert schon so manches. Und bei Vollmond sind die Menschen besonders aktiv“, erzählt Frau Siegburg. Frau Zayonz  ist froh, mit Frau Siegburg zusammenzuarbeiten. „Wir helfen uns gegenseitig.“

gagpnd1533gagpnd2438Am Abend werden die Bewohner mit ihren Medikamenten versorgt, Insulin wird verabreicht, Blutdruck gemessen. Außerdem bekommen die Bewohnerinnen und Bewohner einen Nachtsnack. Frisches Obst, Joghurt, ganz nach Wunsch. Beide kennen die Vorlieben der Menschen. Und wenn es die Situation zwischendurch zulässt, dann setzt sich das Duo auf die Terrasse. Eine Tasse Kaffee („Kaffee geht immer!“, so Frau Siegburg), eine Zigarette, das brauchen beide zum Runterkommen. Bis das Signal kommt, dass ein Bewohner Hilfe benötigt. Mindestens drei Mal pro Nacht gehen die Pflegekräfte in die Zimmer und schauen nach dem Rechten. Man kann auch sagen: Sie machen Kilometer.

Das Leben wirft nicht ständig Reis, und Frau Siegburg hat auch schwere Zeiten erlebt. So pflegte sie fünf Jahre lang ihre Schwiegermutter. Außerdem erkrankte sie selbst an Brustkrebs. „Beides waren harte, belastende Zeiten“, sagt sie. Hinzu kommt, dass die Arbeit nicht spurlos an den beiden Frauen vorbeigeht. Frau Zayonz beispielsweise hat eine neue Hüfte. Den Job wechseln und etwas Leichteres machen? Das kommt für beide nicht in Frage. Arbeit ist für sie auch eine Frage der Haltung. „Man muss das Leben genießen. Schwimmen gehen, sich in der Natur bewegen, Kontakte pflegen“, sagt Frau Siegburg. „Die Arbeit darf nicht alles sein. Das Leben kann so schnell zu Ende sein.“ Und sie ergänzt: „Ich habe schon viele Kolleginnen erlebt, die dem Druck nicht standhalten konnten. Ihnen fehlte häufig der private Ausgleich.“

gagpnd2597Das Team arbeitet fünf Nächte und hat dann fünf Tage frei. Pro Monat sind das 15 Dienste. Lohnt sich das eigentlich finanziell? „Besonders lukrativ ist die Nachtschicht jetzt nicht“, erzählt Frau Siegburg. „Im Vergleich zum Tagdienst macht das bei mir etwa 170 EUR brutto mehr aus. Im Vergleich zu den Pflegekräften im Tagdienst arbeiten wir rund 10 Stunden weniger. Dafür haben wir bei der Urlaubsplanung einen klaren Vorteil: Fünf Tage frei, fünf Tage Urlaub, fünf Tage frei. Das sind drei Wochen am Stück private Lebenszeit.“

gagpnd2218Um 6:30 Uhr heißt es endlich: „Ab nach Hause, einen Kaffee trinken und dann ins Bett“, erklärt Frau Siegburg lachend. „Christine und ich sind Langschläfer“, berichtet Frau Zayonz. „Ich wache gegen 17 Uhr auf. Dann wartet erst einmal das Frühstück auf mich.“ Nun haben die beiden wieder fünf Tage Zeit, um sich zu erholen und um ihren privaten Interessen nachzugehen. Denn: Ausgleich ist wichtig!

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