„Manchmal bin ich Greta, die Nichte“

Deborah Karn, 32, ist angehende Altenpflegerin im Seniorenzentrum Schalke der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Gelsenkirchen. Um vom hessischen Ländle nach Gelsenkirchen zu finden, nahm sie einen kleinen Umweg: Mit 19 zog die gelernte Raumausstatterin nach Hamburg, suchte dort ihr berufliches und privates Glück. Letzteres klappte und – für unsere Geschichte nicht nebensächlich – der Glückliche stammt aus dem Pott. Das Paar verlegte schließlich den Lebensmittelpunkt ins Revier und die Dinge entwickelten sich: Mit Aushilfsjobs besserte sie zunächst das Haushaltseinkommen auf, holte gleichzeitig den Realschulabschluss nach und absolvierte – obwohl inzwischen Mutter geworden – eine Weiterbildung zur Alltagshelferin für demenziell erkrankte Menschen. Sie lernte das Seniorenzentrum Schalke AWO über einen privaten Besuch kennen und schätzen, stieg dort zunächst 2018 als Betreuungskraft ein, um dann kurz darauf mit der Ausbildung zur Pflegefachkraft zu starten.

„Was muss man in der Altenpflege schon großartig lernen?“

So dachte auch Deborah Karn, bevor sie den Beruf selbst kennenlernte. Aus ihrer Sicht auch einer der Gründe, warum manche einen Bogen um die Ausbildung machen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Praktikum oder eine Hospitation, sofern gut begleitet, würde schnell zeigen, wie anspruchsvoll das Berufsbild ist. Von A wie Angehörigen­begleitung bis W wie Wechselwirkungen von Medikamenten kennen reicht das Spektrum. „Ich habe den Beruf vorher auch völlig unterschätzt“, stellt sie rückblickend fest, „aber heute weiß ich, wie facettenreich die Arbeit ist und dass es eine Reihe von Aufstiegsmöglichkeiten gibt“. Die Erkenntnis hat sie schon in Pläne umgesetzt. Oben auf der Liste steht der gute Abschluss der dreijährigen Ausbildungszeit. Die Weiterbildung zur Praxisanleiterin könnte ein nächster Schritt sein, denn „Ich kenne mich, nach spätestens zwei Jahren ohne Veränderung drehe ich durch“.

„Kinästhetik müsste Pflicht sein“

Deborah Karn schaut sich in der Altenpflege durchaus kritisch um und bemerkt, dass es noch Luft nach oben gibt. Wenn sie einen Wunsch bei der Pflegefee frei hätte, würde sie beispielsweise das Thema Kinästhetik als Pflichtprogramm in Theorie und Praxis verankern lassen. „Bei der Kinästhetik geht es darum, sich effektiver und gleichzeitig schonender bewegen zu lernen“, so Deborah Karn. Richtig umgesetzt, würde es das Personal entlasten und manchen Rückenschaden vermeiden helfen. „Aber das muss richtig trainiert werden, damit es in Fleisch und Blut übergeht“. Ein Kurs hier und da bringt ihrer Meinung nach nicht den gewünschten Effekt.

„Manchmal bin ich Greta, die Nichte“

Diese Aussage könnte eine Anspielung auf ihre Leidenschaft für Rollenspiele sein, ist es aber nicht. Oder doch? Greta ist sie manchmal, weil eine Bewohnerin sie mit ihrer Nichte verwechselt. Der Alltag im Seniorenzentrum ist vielseitig, dazu gehören diese Episoden wie auch jene bewegenden Erzählungen, die von schrecklichen Erinnerungen aus der Zeit des NS-Regimes handeln. „Hier dürfen keine Juden sitzen“ so oder ähnlich stand es auf Bänken rund um den Berger See, wovon ihr eine Bewohnerin beispielsweise berichtet. Das Interesse an der Biografie der Menschen im Seniorenzentrum liegt Deborah Karn sehr am Herzen. Für sie ist ein Schlüssel, um das Verhalten von dementen Bewohnern besser zu verstehen und verdeutlicht es anhand eines Beispiels: „Wenn Bewohner anfangen zu zittern, weil draußen Böller krachen, hat es oft mit dem Wiederkehren von Kriegserinnerungen zu tun“.

 „Ich zeichne sehr gerne“

Neben dem guten Händchen für die Altenpflege verfügt Deborah Karn noch über eine besondere kreative Ader. So richtig aufgefallen ist das, als sie neulich in Vorbereitung auf eine Fachkräfte-Messe im benachbarten Bottrop einen Comic im Großformat erstellt hat, um den Beruf der Altenpfleger einmal auf ganz andere Weise darzustellen. Lob bekam sie dafür auch von der Regionalbezirksleitung.

„Fast wie geduscht!“

Deborah Karn bricht gerne eine Lanze für ihren Beruf, indem sie viel geben kann und auch viel zurückbekommt. Sie sieht ihre Aufgabe darin, den Menschen möglichst angenehme letzte Jahre zu ermöglichen. Dass ihr das gelingt, bekommt sie nahezu täglich zu spüren. Es sind oftmals alltägliche Ereignisse, manchmal mit einem Augenzwinkern versehen. Wenn sie jemanden etwa am Handwaschbecken bei der Körperreinigung unterstützt und am Schluss gewitzelt wird: „War ja fast wie geduscht“, dann ist das Lächeln auf beiden Seiten da …