„Viele Berufe sind seelenlos“

„Viele Berufe sind seelenlos“

„Ein Beruf, in dem nur Frauen arbeiten, das kann doch nur fürchterlich sein“, sagte die Mutter von Benjamin Carl. Benny ist Pflegefachkraft im Johanniter-Stift Gelsenkirchen und berichtet über seine Zweifel, die Chancen, die der Beruf bietet und zeigt auf, dass Pflegefachkräfte die Superhelden an der Altenpflegefront sind.

Superheld der Pflege

Ein 23 Jähriger, der sich die Frage stellt, ob er sich den Bewohnern zumuten kann und der schnell festgestellt hat, dass viele Berufe seelenlos sind – der hat uns neugierig gemacht. Da mussten wir einfach näher hinschauen und lernten einen sensiblen, empathischen jungen Mann kennen, der durchaus selbstkritisch ist.

Ein Mann in einer Frauendomäne

Männer in der Pflege sind rar geworden. Früher fanden Zivildienstleistende häufig den Weg in einen Pflegeberuf, doch die gibt es nicht mehr. Die Pflegestatistik 2011 des Statistischen Bundesamtes spricht eine deutliche Sprache. Demnach arbeiten gerade einmal 12 % Männer in der ambulanten Pflege, im stationären Bereich sind es 15 %. Allerdings sagen diese Zahlen nichts darüber aus, wie viele Männer davon tatsächlich in der direkten Pflege arbeiten. Oft heißt es: „Pflege ist weiblich“. Dem Klischee sind wir mal nachgegangen.

Benjamin Carl (23) absolvierte nach dem mittleren Schulabschluss zunächst ein zweiwöchiges Orientierungspraktikum in einer Pflegeeinrichtung. Anschließend arbeitete er noch einmal vier Monate im Johanniter-Stift Gelsenkirchen, um seine ersten Eindrücke zu vertiefen. Es hat sich für ihn gelohnt: „Ich habe festgestellt, dass es viele sinnlose Jobs gibt, bis ich den Pflegeberuf kennen lernen durfte.“ Bei den Johannitern erkannte man direkt sein Potenzial und so bot man ihm eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger an. Seit vier Jahren arbeitet er nun in der Pflege.

Am Anfang wusste Benjamin Carl gar nicht, welchen Beruf er erlernen sollte. „Viele Berufe erschienen mir als seelenlos. Ich wollte keine sinnlosen Dinge machen.“ Seine Eltern unterstützten ihn bei seiner Berufswahl. Allerdings war seine Mutter anfangs skeptisch, als er sich für die Pflege entschied. „Meine Mutter sagte mal: ‚Ein Beruf, in dem nur Frauen arbeiten, kann ja nur schrecklich sein.‘ “ Benjamin Carl fühlt sich in seinem Beruf sehr wohl. In der Ausbilung hat er erkannt, worauf es in dem Beruf ankommt. „Intimsphäre und Scham sind ein wertvolles Gut, das es zu beschützen gilt.“ Mit Schamgefühlen geht er respektvoll um. „Wir Pflegekräfte wissen sehr wohl, bei welchem Bewohner mehr Scham vorhanden ist als bei anderen. Da richten wir uns dann auch personell drauf ein und regeln es so, dass dann ein anderer die Bewohnerin wäscht und grundversorgt.“ Besonders bei den weiblichen Bewohnern ist häufig ein großes Schamgefühl vorhanden. Ihnen ist es angenehmer, von einer Frau gewaschen zu werden. Es gibt aber auch viele Bewohner, die damit kein Problem haben. „Man muss gute Sensoren haben – egal ob als weibliche oder männliche Pflegekraft“. Männliche Bewohner in Pflegeheimen sind übrigens ebenfalls unterrepräsentiert. So leben in Heimen laut Statistik nur 26 Prozent.

Seine Kolleginnen nahmen ihn anfangs als sehr schüchtern wahr, doch auch als jemand, der wusste, was er wollte. „Er kam als junger Erwachsener mit ganz viel Grünspan hinter den Ohren zu uns und war völlig unbedarft. Bereits nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr hatte Herr Carl einiges an Grünspan verloren.“, berichtet Beate Wieschermann, Einrichtungsleiterin des Johanniter-Stifts in Gelsenkirchen-Resse. Ruhe, Souveränität und Empathie sind wichtige Eigenschaften, die jemand mitbringen muss, der in der Pflege arbeitet. All das Rüstzeug besitzt Benjamin Carl.

Er wurde zunächst in einer Hausgemeinschaft mit fünfzehn demenziell veränderten Bewohnerinnen und Bewohnern eingesetzt. Diese Entscheidung wurde ganz bewusst getroffen, da das Team dort behüteter arbeiten kann, als es in den großen Wohnbereichen mit gemischten Bewohnern der Fall ist. Die Arbeit in der Hausgemeinschaft ist wesentlich planbarer und ein guter Einstieg für Newcomer. Benjamin Carl arbeitete sich Schritt für Schritt dort ein. „Er hat eine besondere Gabe: er hat die Herzen der Bewohner im Sturm erobert!“, berichtet Beate Wieschermann. „Die Bewohner haben anklingen lassen, dass sie ihn vermissen, auch wenn die Demenz bei ihnen teilweise weit fortgeschritten war. Viele Bewohnerinnen haben einen besonderen Bezug zu ihm entwickelt, weil er so unvoreingenommen jede Situation angenommen hat.“ Nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr wurde ihm direkt eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger angeboten.

„Kann ich mich den Bewohnern zumuten?“

Anfangs hatte Benjamin Carl viele Zweifel. Ihm war von Beginn an bewusst, dass er in dem Beruf als Altenpfleger eine große Verantwortung trägt. Er stellte sich selbst eine reife und kluge Frage: „Kann ich mich den Bewohnern zumuten?“ Doch er erlebte das Arbeitsumfeld als herausfordernd und schön zugelich. Er bekam Rückhalt, wenn er mal zweifelte und viel Bestätigung. Auch nach vier Jahren ist er manchmal noch skeptisch und hinterfragt sich selbst. Seine beruflichen Wünsche und Ziele für die Zukunft? „Noch mehr Praxiserfahrung sammeln, sicherer werden in dem, was ich mache, mehr Wissen ansammeln und abspeichern können. Eins ist mir dabei besonders wichtig: Ich möchte, egal wie ich mich entwickeln werde, nicht den Bezug zur Basis, der konkreten Pflege und zu den Bewohnern verlieren.“

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