Palliativpflege – Der Schlüssel zu den Bedürfnissen schwerstkranker Bewohner

Palliativpflege – Der Schlüssel zu den Bedürfnissen schwerstkranker Bewohner

Carola Nachtigal über die Lust, zu lernen und zu lehren

Carola Nachtigal, 53, hatte einen Lebenstraum: sie wollte Lehrerin werden. Doch zunächst absolvierte sie mit dem Realschulabschluss in der Tasche eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Dort wurde sie nicht glücklich und wechselte durch einen Zufall in die Pflege. Mit diesem Schritt kam sie unverhofft und auf Umwegen ihrem Traum sehr nah. Heute ist sie examinierte Pflegekraft, Wohnbereichsleiterin und Palliativfachkraft im Johanniter-Stift in Gelsenkirchen-Resse. Wir waren neugierig auf ihren Werdegang und auf die Aufgaben einer Fachkraft für Palliativpflege.

Acht Jahre hat Carola Nachtigal in einer Zahnarztpraxis gearbeitet. An diese Zeit denkt sie eher ungerne zurück: „Ich hatte eine Vorgesetzte, die mir täglich vorgelebt hat, wie man es nicht machen sollte.“ Ihr Wunsch war ein Arbeitsplatz, an dem es Freude gibt, an dem sie selbst viel lernen kann und in dem sie Menschen wachsen sehen kann.

Ich erkenne das Potenzial bei meinen Mitarbeitern

Wie viele Pflegekräfte, so kam auch Carola Nachtigal durch einen puren Zufall in die Pflegebranche. In dem Zeitungspapier, in dem Blumen vom Markt eingewickelt waren,  sah sie eine Annonce: „Stationshilfe gesucht!“ So kam sie zum ersten Mal in die stationäre Pflege. Da war sie 27 Jahre alt. 1991 wechselte Sie dann zum Johanniter-Stift Gelsenkirchen. Damals hieß die Einrichtung noch Martineum e.V. Sie begann 1994 berufsbegleitend eine Ausbildung zur Altenpflegerin. In dem Beruf konnte sie viel lernen und fühlte sich sofort gut aufgehoben – genau so, wie sie es sich gewünscht hatte. So gut, dass sie ihr Staatsexamen als Altenpflegerin mit besonderer Auszeichnung abschloss. 1999 war die examinierte Altenpflegerin stellvertretende WBL, kurz darauf übernahm sie dann sogar die Leitung eines Wohnbereiches. Über ihre Führungsqualitäten sagt sie: „Ich sehe Potential bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, möchte sie in neue Sphären katapultieren und ich freue mich, wenn sie Erfolg haben. Ich sehe gerne Menschen wachsen und fahre die Ernte ein von dem, was ich säe.“ Carola Nachtigal ist heute Lehrerin und Wegbereiterin für eine Vielzahl von Mitarbeiterinnen bei den Johannitern und ist sehr stolz darauf.

Ausbildung zur Palliativfachkraft: Den letzten Weg der Bewohner lebenswert begleiten

Doch damt war noch lange nicht Schluss. Mit dem ausgezeichneten Examen und der Führungsrolle wollte sich Carola Nachtigal nicht zufrieden geben – und lernte weiter. Sie machte eine Ausbildung zur Palliativfachkraft. Heute begleitet sie schwerstkranke und sterbende Bewohner auf ihrem letzten Weg und hilft dabei, Leiden zu lindern. Es geht darum, den letzten Weg so lebenswert wie möglich zu gestalten. Frau Nachtigal hat im Rahmen ihrer Ausbildung gelernt, dass „der Sterbende seine eigene Partitur seiner Orchestrierung schreibt“. Das bedeutet für die Pflegefachkraft, dass jeder Tag im Leben eines schwer kranken oder sterbenden Menschen anders verläuft. Die Herausforderung liegt darin, zu beurteilen, was in der entsprechenden Situation die richtige Maßnahme ist. Außerdem ist es nicht nur der Bewohner alleine, sondern da gibt es auch die Angehörigen und ein Netzwerk aus Fachärzten.“ Letztendlich aber weiß nur der Bewohner alleine, was ihm gut tut, auch wenn er es manchmal nicht mehr klar zum Ausdruck bringen kann. „Ich muss bei meiner Arbeit den Schlüssel zu den Menschen finden. Dabei ist Einfühlungsvermögen ganz wichtig.“

wkpj9973Biografiearbeit ist hierfür ein wichtiger Hebel. Beim Einzug in die Einrichtung und während des Aufenthaltes im Johanniter-Stift werden viele Informationen über den Bewohner gesammelt: Wie hat er gelebt? Hatte er eine eigene Familie? Woher kommt er? Was hat ihn geprägt? Und vieles mehr. In der Praxis hat sich das schon vielfach bewährt. So fand die Palliativexpertin auch einen Weg, wie sie einem Bewohner helfen konnte, der eine Zeit lang sehr unruhig vor ihr auf einem Stuhl gesessen hatte. Die Frage, ob er Schmerzen habe, verneinte er. Nach einem sehr langen Gespräch fand sie dann einen Zugang zu ihm. Sie erklärte ihm, welche Möglichkeiten sie hat, um ihn zu unterstützen. Im Laufe des Gespräches öffnete der Bewohner sich immer weiter und erzählte schließlich, dass er immer hart im Nehmen war und dass er auch so geprägt wurde. Irgendwann gab er dann zu, dass er starke Schmerzen habe und ließ sich auf eine lindernde Therapie ein. „Nach ein paar Tagen ging es ihm so gut, dass er nicht nur mobiler war, sondern er lachte auch wieder, erzählte mehr und bedankt sich heute noch bei mir. Das tut mir unglaublich gut, wenn ich Menschen etwas Gutes tue.“

Ein anderes Beispiel: „Eine Patientin bekam starke Schmerzmitteln, die mit der Zeit immer höher dosiert wurden, aber es wurde nicht besser. Im Gespräch mit der Patientin erfuhr ich, dass die Dame ein Problem hatte. Zuhause hatte sie ihren pflegebedürftigen Mann und einen Hund zurückgelassen. Sie fürchtete, dass der Mann nicht mit dem Hund zurechtkam, den bisher nur die Patientin versorgt hatte. Erst durch die Organisation des Sozialen Dienstes, der jemanden beauftragte, sich um den Hund zu kümmern, wurde die Patientin ruhiger. Ihre Schmerzen gingen nach und nach weg, und sie konnte zeitweise ganz auf Medikamente verzichten.“

Palliativnetz Gelsenkirchen

Carola Nachtigal arbeitet im Rahmen ihrer Tätigkeit als Palliativfachkraft auch mit dem Palliativnetz Gelsenkirchen und dem Hospizverein zusammen, bei dem die Johanniter Mitglied sind. Die Johanniter setzen sich im Sinne der Hospizbewegung für einen offenen Umgang mit Leben und Tod ein. Die Vernetzung der Pflegeeinrichtungen und die Kooperation mit den behandelnden Haus- und Fachärzten soll eine flächendeckende palliative Betreuung in Gelsenkirchen sicherstellen. „Ich gehe auf die Bedürfnisse des Bewohners ein und schaue, was sein Thema ist.“ Bei Übelkeit werden nicht  mehr nur Medikamente eingesetzt. Auch alternative Methoden werden immer wichtiger. Beispielsweise zeigt das europäische Pfefferminzöl, auf Zucker geträufelt, gute Ergebnisse. „80% der Patienten, die mit dieser Aromatherapie behandelt wurden, verspürten deutlich weniger Übelkeit als Patienten, denen chemische Medikamente verabreicht werden.“

Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse gibt Carola Nachtigal gerne an Nachwuchskräfte weiter.

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