Führung ist meins! Interview mit Beate Wieschermann

Führung ist meins! Interview mit Beate Wieschermann

Beate Wieschermann, Einrichtungsleiterin vom Johanniter-Stift in Gelsenkirchen, über Führung und goldene Löffel

„Ich bin ein Mensch, der sich nicht gerne von anderen etwas sagen lässt“, erklärt Beate Wieschermann selbstbewusst auf die Frage, warum sie eine Führungsposition übernehmen wollte. Erste Führungserfahrung sammelte sie als Wohnbereichsleitung in der Altenpflege und nach der Kindererziehungspause als Pflegedienstleiterin im ambulanten Dienst. Dann wechselte sie zu den Johannitern in die stationäre Pflege und wurde ins kalte Wasser geschubst. „Ich wurde von der damaligen Einrichtungsleitung in ein leeres Büro gesteckt mit den Worten: ‚So, Frau Wieschermann, jetzt machen Sie mal!‘“wkpj0349_2 So fing sie an, entwickelte Pflegeleitbilder und baute das Qualitätsmanagement auf. Vor 10 Jahren kündigte sich beim damaligen Einrichtungsleiter so langsam die Rente an und Beate Wieschermann wurde gefragt, ob sie seine Position übernehmen wolle. Sie überlegte lange, ob sie nach 25 Jahren in der direkten Pflege die Nähe zu den Bewohnern aufgeben soll. Andererseits bedeutete die neue Herausforderung einen weiteren Karriereschritt. Zuhause diskutierte sie die Situation mit ihrem Mann und ihrem Sohn.  Beate Wieschermann entschied sich für die Position. „Ich bin Johanniter und das will ich auch bleiben. Ich wollte selbst gestalten und hatte keine Lust, dass mir jemand vorgesetzt wird, von dem ich nicht weiß wie er tickt. Führung ist meins!“

Im Jahr 2003 trat sie dem Johanniter Orden als Johanniterschwester bei. 2005 wurde sie Einrichtungsleiterin. Sie absolvierte eine Weiterbildung als Betriebswirtin im Gesundheits- und Sozialwesen. „Das Ende der Karriereleiter ist an dieser Stelle für mich noch nicht erreicht“, betont Beate Wieschermann. Sie übernimmt Tätigkeiten für das Regionalzentrum der Johanniter und begleitete bis zu neun Einrichtungen bei der Organisationsentwicklung.

„Führung bedeutet, den Mitarbeiter so anzunehmen wie er ist und ihn zu begleiten“

„Personalentwicklung ist das A und O. Damit fange ich an, wenn ich morgens das Haus betrete. Und wenn ich abends nach Hause gehe, geht es damit weiter:  Manchmal klingelt nach Feierabend das Telefon, und eine Mitarbeiterin hat eine Frage. Führung bedeutet für mich, den Mitarbeiter in seiner Grundstimmung so anzunehmen, wie er ist und ihn vertrauensvoll zu begleiten. Das ist nur möglich, wenn gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist.“ Das sind keine Lippenbekenntnisse. Beate Wieschermann hat Mitarbeiterinnen in den schwierigsten beruflichen Situationen aufgefangen, wenn es darum ging, Probleme, Zweifel und innere Kämpfe mit sich auszumachen. Sie geht individuell auf ihr Team ein. Menschen, die sich für einen Pflegeberuf entscheiden, ist die emotionale Bindung sehr wichtig. wkpj1125„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre Persönlichkeit kennen, sie einschätzen, deren Talente erkennen und sie individuell zu fördern,  das macht gute Führung aus. Nur wenn die Mitarbeiter zufrieden sind, ist auch gute Pflege gewährleistet.“ Bei FSJlern erkennt sie Potenziale und bietet entsprechend Möglichkeiten zur Ausbildung an, genauso wie bei Quereinsteigern.

Es kommt hin und wieder vor, dass sie sich von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trennen muss. „In der Pflege gibt es viele Regeln und Gesetze, die wir beachten und nach denen wir handeln müssen. Wer nicht gewillt ist, nach Regeln zu arbeiten, der ist hier nicht richtig.“ Dann kommt es auch schon einmal vor, dass man sich von Beschäftigten trennen muss, um die Bewohnerinnen und Bewohner und die verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen.

Pflege ist krisensicher

„Pflegekräfte haben sich immer auf einem aktuellen Wissensstand zu halten. Wer dazu bereit ist und Lust hat, mit Menschen zu arbeiten, zu lernen und keine goldenen Löffel klaut, der kann in der Pflege in Rente gehen. Außerdem bietet kaum ein anderer Berufszweig so viele Karrieremöglichkeiten wie die Pflegebranche. Bei Führungskräften ist der Nachwuchs noch schwerer zu bekommen, als bei den Fachkräften. Die Johanniter fördern den Führungskräftenachwuchs daher sehr intensiv“, erklärt Beate Wieschermann.

Nachwuchsprobleme in den Führungsebenen

„Viele empfinden die ständigen Veränderungen in der Pflege und die damit verbundene Verantwortung für Beschäftigte und Bewohner als Belastung. Davor scheuen viele zurück“, erläutert Beate Wieschermann. Man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und sich regelmäßig fort- und weiterbilden, um am Puls der Zeit zu bleiben. „Als Leitungskraft muss man auch in der Lage und willens sein, über den Tellerrand hinauszuschauen.“ So ist die Einrichtungsleiterin auch politisch aktiv und engagiert sich im Arbeitskreis Altenarbeit der Stadt Gelsenkirchen. Außerdem ist Frau Wieschermann über die Arbeitsgruppe Qualität der Joahnniter Seniorenhäuser GmbH und über die Schwesternschaft des Johanniterordens auch bundesweit aktiv. „Man muss nicht nur bis zum Ende des Flures gucken, sondern auch in die Ferne. Es braucht eine Vision, zu schauen, wie es in 10 oder 20 Jahren in der Pflege aussehen könnte.“

Die Professionalisierung der Pflege wird weiter fortschreiten und es gibt nicht nur die hierarchischen Karriereschritte, wie Wohnbereichsleitung, Pflegedienstleitung und Einrichtungsleitung. Es werden zukünftig immer mehr Pflegeexperten zum Beispiel in der Wundversorgung, der Palliativpflege und im Bereich der Ernährung benötigt. Was Beate Wieschermann sich für die Zukunft wünscht? „Dass es mehr Akzeptanz seitens der Kostenträger – sprich Pflegekassen – gibt, dafür mehr Geld bereitzustellen. An Personalkosten sparen zu müssen ist eindeutig der falsche Weg.“ Die Möglichkeit, denjenigen Menschen, die sich spezialisieren, nicht nur aufgrund ihrer Funktion einen höheren Stellenwert zu geben, sondern dieses auch zu vergüten, das muss der nächste Schritt sein. „Wir sind Dienstleister, die ein gutes Produkt anbieten und das entsprechend bezahlt werden muss. In anderen Wirtschaftszweigen ist das doch auch so. Ich hoffe, dass in Zukunft durch das Pflegestärkungsgesetz und den erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriff die Akzeptanz bei den Pflegekassen steigen wird. Ansonsten ist qualitativ hochwertige Pflege bald nicht mehr finanzierbar .“

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