Hatice Burak über Palliativ Care und Sterbebegleitung in unterschiedlichen Kulturen

Hatice Burak arbeitet als examinierte Altenpflegerin im ambulanten Dienst der Diakonie in Bottrop. Mit 16 Jahren kam sie aus der Türkei nach Deutschland. Mit 19 Jahren fing sie die Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft an. Mittlerweile ist sie Praxisanleiterin. Ein einschneidendes privates Erlebnis und eine Vorgesetzte, die ihr Potential entdeckte, haben sie dazu bewogen, die Fortbildung zur Palliativ Care Fachkraft zu machen.

Symptome von schwerstkranken Patienten zu beobachten, die richtige Behandlung darauf abzustimmen, in einem Netzwerk unterschiedlicher Professionen zu arbeiten und Kontaktperson für die Angehörigen zu sein, so lässt sich die Arbeit als Palliativfachkraft beschreiben. Doch was hat Hatice Burak motiviert, diesen Weg einzuschlagen? „Vor vier Jahren verstarb meine beste Freundin ganz plötzlich. Sie war genauso alt wie ich. Das hat mich sehr mitgenommen. Danach habe ich mich entschieden, die Fortbildung zu machen. Ich wollte lernen, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, mit ihnen und für sie einen würdigen letzten Lebensabschnitt zu gestalten. Heute habe ich keine Angst mehr vor dem Tod.“

„Es braucht Mut, um jemandem zu sagen, dass er bald sterben wird“

wkpd1772Vor zwei Jahren hat Hatice Burak eine Fortbildung zur Palliativ Care Fachkraft absolviert. In einer eineinhalb jährigen Ausbildung mit 160 Stunden Unterricht lernte sie, schwerstkranke Menschen zu pflegen, zwischen Patient, Angehörigen sowie Fachärzten zu vermitteln und den Betroffenen ein offenes Ohr zu schenken. „Häufig begleite ich die kranken Menschen auf ihrem letzten Weg. Als Palliativfachkraft sorge ich dafür, dass sie sich gut umsorgt fühlen und wissen, dass sie nicht alleine sind. Die Angehörigen sind oft hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Ich werde regelrecht in die Familien aufgenommen und stehe im engen Kontakt mit ihnen“, beschreibt Hatice Burak. Sie hilft nicht nur den Patienten, sondern auch Angehörigen, sich auf den Abschied der schwerstkranken Menschen vorzubereiten. „Ich habe gelernt, den todkranken Menschen auf ihre Frage eine offene Antwort geben und sagen zu können: ‚Sie werden sterben.‘ Dazu braucht es Mut.“ Den Mut hatte Hatice anfangs nicht. Sie ist an ihrer Aufgabe gewachsen. Über ihre Mitarbeiterin sagt Kerstin Pröse, Leiterin des ambulanten Pflegedienstes bei der Diakonie in Bottrop: „Ich habe gemerkt, dass Hatice das Potential für diese Aufgabe hat. Sie besetzt hier bei uns einen sehr wichtigen Platz. Ihre Arbeit gibt ihr Bestätigung und lässt sie aufblühen.“

Vor einigen Jahren gab es die Palliativpflege als eigenständiges Fachgebiet noch gar nicht. Patienten wurden in der Regel hausärztlich versorgt und die Angehörigen blieben häufig mit ihrer Situation alleine. Sie mussten irgendwie selber mit dem nahenden Tod des liebgewonnen Menschen klar kommen. Durch das Palliativnetzwerk, bei dem man sich anmelden kann, gibt es heute eine Rundum-Versorgung für die meisten Patientinnen und Patienten. Das Netzwerk besteht aus Fachärzten, Fachpflegekräften, Psychologen und Krankenhäusern, die einen 24-Stunden-Notdienst und die passende Versorgung vorhalten. „Die Patienten und Angehörigen können jederzeit anrufen. Sie sind nicht alleine“, erklärt Hatice Burak.

Über Pflege von Angehörigen und den Umgang mit dem Tod in anderen Kulturen sagt Hatice Burak: „Über meine türkische Kultur weiß ich, dass Angehörige immer noch in den Familien gepflegt werden und häufig bis zum Ende zuhause bleiben. Hospize und Palliativnetzwerke sind kaum bekannt. Hier besteht dringender Aufklärungsbedarf, den ich gerne übernehmen möchte.“

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